Lebendige Bürokratie: Weihnachtsausstellung erzählt Rathausgeschichten

Rathausgeschichten vom Mittelalter bis in die Gegenwart erzählt die 31. Weihnachtsausstellung von Stadt und Kunst- und Geschichtsverein in der Galerie im Alten Bau in Geislingen. Am Freitag ist sie eröffnet worden.
EVA HEER | 07.12.2015
Eröffnung der Weihnachtsausstellung „Geislinger Rathausgeschichten vom Mittelalter bis heute“ in der Galerie im Alten Bau Geislingen.
Foto: Markus Sontheimer, Geislinger Zeitung
Foto: Markus Sontheimer, Geislinger Zeitung

Am 15. April 1916 tagte der Geislinger Gemeinderat zum ersten Mal in seinem neuen städtischen Kanzleigebäude. Verwaltung und Rat bezogen es ohne Aufhebens. Es gab weder eine Einweihung oder offizielle Schlüsselübergabe, noch einen Tag der offenen Tür für die Bürgerschaft. Der Erste Weltkrieg und seine verheerenden Folgen hatten ihren Blutzoll gefordert, die Bevölkerung litt Not. Nach Feiern war niemandem zu Mute. Dafür kommt das Gebäude nun, zu seinem 100-jährigen Geburtstag, zu Ehren: Die 31. Weihnachtsausstellung von Kunst- und Geschichtsverein unter dem Titel: „Von aufsässigen Weibern, treuen Untertanen und mächtigen Schultheißen“ erzählt Rathausgeschichten vom ausgehenden 14. Jahrhundert bis heute. Zudem steht jetzt die Renovierung des Gebäudes an – „mit Augenmaß, wie es zu uns Geislingern passt“, sagte Oberbürgermeister Frank Dehmer in seiner Ansprache. Und zum Dritten wird das Rathaus im kommenden Jahr Thema der Veranstaltungsreihe „Geislinger Kulturherbst“ sein.

Stadtarchivar Hartmut Gruber erzählte in seiner Einführung einige herausragende Rathausgeschichten. Über den Kampf zwischen Rathausbewahrern und Neubaubefürwortern, der sich in heftigen Debatten von 1910 bis 1912 hinzog. Am 10. Juli 1912 wurde der Neubau beschlossen. „Die Stadtverwaltung war damit im 20. Jahrhundert angekommen, wenn auch mit Geburtswehen“, sagte Gruber. Erst 1919 allerdings, mit dem Umbau des provisorischen Sitzungssaals zum schmucken Ratssaal, hätten Verwaltung und Gemeinderat das neue Rathaus wirklich angenommen.
Gruber erzählte von denkwürdigen Schultheißen, von Umstürzen, Unterdrückung und Fremdherrschaft. Denn die Geschichte des Rathauses – das erste wurde 1422 erbaut und diente mit seiner großen öffentlichen Waage auch als Umschlagplatz für Heu und Getreide – ist immer auch erlebte Stadtgeschichte.
Not, Zwänge und gesellschaftliche Verwerfungen wie die Weltkriege oder der Geislinger Aufstand im Jahr 1514 hätten immer Umbrüche zur Folge gehabt, aber auch die Demokratisierung vorangetrieben, sagte Gruber. Die Ausstellung illustriert diese stadtgeschichtlichen Zäsuren anschaulich: Ratsstuben in ihrer historischen Ausstattung lassen Bürokratie im Laufe der Jahrhunderte lebendig werden. Die Lebensläufe der Bürgermeister erzählen die Geschichte der Stadtobersten. Dokumente – darunter auch Artikel aus unserer Zeitung -, Fotografien, Instrumentarium und Ausstattung der Schreibstuben bis hin zu Rechenmaschinen und ersten Computern veranschaulichen die Arbeit der Kommunalbeamten.
Michael Menzel, Schüler der Musikschule Geislingen und Bundespreisträger bei „Jugend musiziert“ in diesem Jahr, hat die Eröffnung der 31. Weihnachtsausstellung mit der akustischen Gitarre wunderbar begleitet.
Info
Öffnungszeiten: Di. bis So. 14-17 Uhr; geöffnet an den Weihnachtsfeiertagen, an Neujahr und Dreikönig; geschlossen an Heiligabend und Silvester (bis 17. Januar).

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